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Deutsch, Rechtschreibung

Warum es in der Schweiz kein Eszett gibt

03.05.2008 | Einen Kommentar schreiben

Großes Eszett Es ist interessant, wie viele Leute glaub(t)en, dass das Eszett nach der Rechtschreibreform abgeschafft worden sei. So ein Quatsch. Was die Rechtschreibreform geregelt hat, ist lediglich seine Verwendung, und zwar nach (für Deutsche) eindeutigen Gesichtspunkten (siehe auch):

  • Kurzer Vokal: ss (Beispiele: muss, dass, Fluss)
  • Langer Vokal/Diphtong: ß (Beispiele: Fuß, süß, fließen)

Nur die Schweiz sieht das etwas anders. In der Schweiz gibt es kein Eszett. Und warum nicht, das habe ich hier gelesen und zitiere nun das Wichtigste:

  1. Vorgeschobener schriftgeschichtlicher (Hinter-)Grund: Die einen führen den Sachverhalt darauf zurück, dass sich in der Schweiz die Antiqua früher verbreitet hat als im übrigen deutschen Sprachraum – und die Antiqua kannte ursprünglich kein Eszett (Eszett geht auf eine Ligatur der Frakturschrift zurück). Zu dieser Begründung ist zu bemerken, dass zumindest seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Eszett auch in Antiquaschriften voll etabliert war und in der Buchproduktion auch der Schweiz verwendet wurde. Darüber hinaus wurden gerade die Zeitungen – wohl die häufigste tägliche Lektüre – in der Schweiz bis Ende der 40er-Jahre dieses Jahrhunderts (also länger als in Deutschland) in Fraktur und deshalb auch mit Eszett gesetzt; das Eszett war den damaligen Lesenden also durchaus ertraut.
  2. Vorgeschobener technischer (Hinter-)Grund: Weil einerseits – angesichts der Mehrsprachigkeit des Landes – [auf den Schreibmaschinen] die französischen Akzentbuchstaben zu berücksichtigen waren und andererseits zumindest bei transportablen Schreibmaschinen die Zahl der Tasten beschränkt war, soll es für das Eszett einfach keinen Platz mehr auf der Tastatur gehabt haben. Und von der Schreibmschinenschrift aus sollen sich die eszettlosen Schriftbilder dann auch auf die Handschrift und den Schriftsatz ausgeweitet haben.
  3. Plausibelster sprachlicher Hintergrund: In den schweizerdeutschen Dialekten sind Vokalkürze und Syllabierung anders verteilt als in der Standardsprache. Einem in der gesprochenen Sprache ambisyllabisch realisierten Konsonanten entspricht in verdoppelter Konsonantenbuchstabe in der Schreibung. Wenn zwischen zwei Vokalen ein Fortis-Konsonant [Doppelkonsonant] steht, wird er zum Silbengelenk, das heißt, er wird ambisyllabisch realisiert [wie im Italienischen, es wird einen kurzen Augenblick auf ihnen verweilt].

Ein anderes Mysterium war, warum es kein großes Eszett gibt. Das liegt besonders daran, dass dieser Buchstabe aus einer Ligatur zweier verschiedener Buchstaben entstanden ist (ſ+ʒ > ſʒ > ß), wie ich bereits im oben erwähnten Artikel erklärte. Andere meinen, dass es sich in Wirklichkeit aus »ſ+s > ſs > ß« entwickelt hat. Wie auch immer, das Ergebnis ist dasselbe. Nach jahrelangem Suchen, Erfinden und Designen (Beispiele) sind wir nun endlich zu unserem normierten großem Eszett gekommen, das auf dem obigen Bild zu bewundern ist. Hier der Zeitungsartikel dazu. Und, wie findet ihr es??

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